im Gegensatz zu Ibrahim warst Du schon ein großes Mädchen, als wir uns verloren haben. Ob Du Dich noch an mich erinnern kannst? Ich habe ein Bild von Dir, da siehst Du wie ein ganz großes Schul-Mädchen aus. Das schaue ich mir oft an und stelle mir vor wie Du heute aussiehst. Wenn Du diese Seiten lesen kannst, dann bist Du ja bestimmt wohl eine hübsche junge Frau. Ach Hanni, hoffentlich geht es Dir gut.
Geboren bist Du am 03. Dezember 1995 in Bonn. Du warst ein winzig kleines Ding und Du warst so eine Süße. Anfangs hatten wir Sorge, dass wir Dich zerbrechen, so zart und klein warst Du. Du kamst ganz pünktlich und wogst 2680 Gramm bei nur 49 Zentimetern. Mit ganz dunklen Haaren und dunkler Haut haben alle gedacht, dass Du wie Dein Papa aussehen wirst. Für mich warst Du das süßeste Baby der Welt! Du bist mein erstes Kind und da ist man noch besonders ängstlich. Aber trotzdem hast Du Dich dank Muttermilch ganz wunderbar entwickelt.
Deinen Namen habe übrigens ich ausgesucht. Wir hatten ausgemacht, dass ich den Namen für ein Mädchen wähle und Dein Papa den Jungennamen. Zum Glück wurdest Du ein Mädchen und ich nannte Dich Hannah. Für mich warst Du meine Hanni. Papa nannte Dich „Nua“, aber für mich bist Du immer meine Hanni.
Du hast an meiner Brust getrunken wie ein kleines hungriges Vögelchen. Bald schon warst Du meine kleine Mause-Maus und mit Deinen großen blauen Augen und Deinem Lächeln warst Du so niedlich, dass alle Leute Dir immer etwas schenken wollten. Oft werde ich nach Dir gefragt. Viele Menschen haben Dein Lächeln nicht vergessen.
Ich erinnere mich an so viele Begebenheiten: An unser Babyschwimmen, an die Urlaube in Ägypten, an Ausflüge, an gemeinsames Essen, an Spielen und so Vieles mehr.
Da ich gearbeitet habe, hat sich in den ersten drei Jahren Dein Papa um Dich gekümmert. Ich fand es schon ein wenig schade, dass Du so wenig Kinder zum Spielen hattest. Aber das lies sich nun mal nicht ändern. Zum Glück wirst Du Dich daran aber wohl nicht erinnern.
Mit drei Jahren bist Du in den Kindergarten gekommen. Da habe ich mir teilweise große Sorgen um Dich gemacht. Du warst manchmal viel zu ernst. In Bonn warst Du zum Schluss in einem Kindergarten mit ganz vielen kleinen türkischen Jungen. Da ging es sehr sehr ruppig zu. Und nachdem Du in Berlin dann wieder in den Kindergarten gingst, hattest Du anfangs große Schwierigkeiten. Du dachtest wohl, dass man so ruppig sein müsse. Aber zum Glück hat sich das dann später gegeben. Du bist dann sehr gerne hingegangen.
Während und nach der Trennung von Eurem Papa habe ich mir auch große Sorgen um Dich gemacht. Aber zum Glück hattest Du ja liebe Freunde die auch immer für Dich da waren. Kannst Du Dich noch an Sie erinnern?
Das letzte halbe Jahr mit Dir war wunderschön. Du hattest Dich so gut entwickelt. Wir haben uns viel miteinander unterhalten. Du wolltest so viel wissen und lernen. Wir haben zusammen gekocht und Plätzchen gebacken. Wir haben gemalt, gebastelt und gebaut. Liebe Hanni, besonderst liebtest Du Vorlesen. Unsere Bücher bewahre ich für Dich auf. Hoffentlich liest Dir heute Abend jemand vor. Oft sehe ich mir Deine Lieblingsbücher an und erinnere mich an Dein aufmerksames Gesicht, wenn es eine besonders spannende Stelle war.
Dein 5. Geburtstag war ein großes Fest mit ganz vielen kleinen und großen Freunden.
Deinen 6. Geburtstag durfte ich nicht mehr miterleben.
Liebe Hannah, wenn ich an Dich denke dann sehe ich Deine strahlenden Augen, aber ich sehe auch Deinen nachdenklichen Blick. Du hast nur Deinen Bunny mitgenommen und alle Deine anderen Sachen hier gelassen. Du wolltest sie nicht mitnehmen, weil Du angst hattest, dass Du sie nicht wieder mit zurücknehmen durftest. Hättest Du sie bloß mitgenommen, dann hättest Du jetzt Deine Sachen zum Spielen!
Als Baby habe ich Dir immer Dein Lied vorgesungen. Der Text lautete:
Hannah klein geht allein in die weite Welt hinein,
Stock und Hut steht ihr gut, sie ist wohlgemut.
Aber Mama weint gar sehr, hat ja nun kein Hannah mehr,
da besinnt sich das Kind geht nach Haus geschwind.
Papa mochte es nicht leiden weil er meinte, das wäre ein böses Omen. Nun bist Du fort und damit hatte er recht. Es war aber ein böses Omen für mich und nicht für ihn, denn er hat Euch ja jedem Tag, den Gott will. Aber vielleicht kommst Du einmal ja auch wieder zurück?!
Meine Maus, ich wünsche Dir alles Glück dieser Erde. Hoffentlich findest Du Deinen Platz in der ägyptischen Gesellschaft. Hoffentlich kannst Du zufrieden dort leben. Dein unabhängiger Geist der vieles hinterfragt macht Dir hoffentlich nicht zu viele Schwierigkeiten. Aber Du bist klug und ich glaube fest daran, dass Du es schaffst. Du hast viel von mir, dass wurde mir in den letzten Monaten unseres gemeinsamen Lebens immer klarer. Lass Dich niemals biegen und brechen. Ich liebe Dich, egal wo Du bist und egal was Du machst. Und für mich musst Du weder besonders lieb, noch besonders klug noch irgendetwas anderes sein. ICH LIEBE DICH weil DU die Hannah, meine Tochter bist.
Deine Mama Hellen
Aktualisiert (Montag, 29. Juni 2009 um 23:23 Uhr)
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