wenn Du diese Seiten lesen kannst bist Du ein großer Junge oder sogar erwachsen. An die Zeit in der Du einmal unser IBI warst kannst Du Dich bestimmt nicht mehr erinnern. Wahrscheinlich hat Dir niemand davon erzählt. Das könnten ja auch nur Hannah oder Dein Papa gewesen sein. Hannah war selber noch zu klein, als sie mich verlassen musste. Lieber Ibrahim, es hat eine Zeit gegeben, da hast Du auf die Frage wie Du heißt geantwortet: IBI, IBI Bär. Für mich wirst Du immer der IBI bleiben, solange ich den Ibrahim nicht kennen lernen darf. Dein Papa hat zwar immer zärtlich zu Dir „Barhuma“ oder „Borhum“ gesagt, aber für mich bist Du mein IBI.
Ich möchte Dir gerne Einiges über Dich erzählen und über die kurze Zeit in Deinem und meinem Leben, die Zeit in der Du mein Ibi warst. Du bist mein zweites Kind und es stimmt, dass beim Zweiten vieles einfacher ist. Die Geburt ist leichter und schneller und man macht sich nicht mehr so viele Sorgen, weil man ja schon weiß was kommt und wie zäh so kleine Menschenkinder sind.
Geboren bist Du am 28. April 1998 um 14:48 Uhr im St.-Johannes-Krankenhaus in Troisdorf, das ist eine kleine Stadt in der Nähe von Bonn, der Stadt in der wir damals gelebt haben. Wir, das waren Dein Papa, Deine Schwester Hannah und ich. Du kamst 5 Wochen zu früh auf die Welt, sehr zu meiner Überraschung, aber auch zu meiner großen Freude, da alles an Dir perfekt war. Du wogst 3220 Gramm und warst 51 cm lang. Papa und Hannah waren zu diesem Zeitpunkt irgendwo über Europa auf dem Rückflug von Ägypten. Sie hatten ihren Urlaub um eine Woche verlängert und kamen erst zurück, als Du schon geboren warst. Aber das machte nichts, denn wir beide hatten es auch so geschafft.
Lieber Ibrahim, Du warst von Anfang an mein Sonnenschein. Du warst ein richtiges Sommerbaby. Mein kleiner Mini-Mann und mein Bärchen. Vor allem warst Du immer Du und nie Hannahs kleiner Bruder. Hannah verdankst Du übrigens Deinen Kosenamen: Als ich mit dem ersten Ultraschallbild vom Arzt nach Hause kam, schaute Hannah sich das eine Weile an, nahm es und holte Deinen kleinen Teddy zeigte auf ihn und das Bild und sagte dauernd: IBI, IBI! Und es stimmte: Sieh Dir die Bilder mal an. Von oben sieht es genauso aus wie dieser Teddy. Daher kommt Dein Name: Ibi. Ich fand ihn gleich schön. Er kann genauso gut als Kurzform für Ibrahim, wie für Habibi gelten, denn das warst Du von Anfang an: Mein Habibi. (Anmerkung: Das ist arabisch und bedeutet: Mein Liebling, mein Geliebter)
Du entwickeltest Dich prima. Ich erinnere mich an unseren ersten Urlaub in Holland im Juni 1998, an unser Babyschwimmen. Wir waren alle so stolz auf Dich. Du warst ein wunderschönes Baby und ein ganz niedlicher kleiner Kerl. Ich mochte Dich immer knuddeln.
Deinen ersten Geburtstag verbrachten wir im Kölner Zoo. Das war ein schöner Tag. Allerdings hatten wir da auch ein Erlebnis mit einem Gorilla, der sich einen Spaß daraus gemacht hat, uns zu erschrecken. Er schlich sich von der Seite in seinem Käfig an, sprang dann ganz plötzlich vor und klopfte gegen die Scheibe. Huh, was haben wir uns erschrocken. Die arme Hannah ist fast zwei Meter weit zurückgesprungen.
Im Mai 1999 zogen wir nach Berlin, da mein Arbeitgeber dort sein neues Bürohaus bezog. Unsere Wohnung war groß, lag aber leider an einer sehr lauten Strasse. Wir hatten die neue Wohnung an einem Sonntag besichtigt, da war nicht viel Verkehr. Daran kannst Du Dich bestimmt nicht mehr erinnern. Dort hattest Du Dein erstes eigenes Zimmer.
Wir hatten auch einen Garten mit Sandkasten und Du hast sehr schön mit Hannah gespielt. Wenn wir nicht aufgepasst haben, bist Du allerdings immer auf Wanderschaft gegangen. Im Herbst gingst Du mit Hannah dann zusammen in den Kindergarten. Das war am Anfang nicht leicht für Dich. Papa hat manchmal das Herz geblutet, wenn er Dich dort zurücklassen musste. Aber nach kurzer Zeit hat es Dir dort gut gefallen. Du hattest Kinder zum Spielen und nette Erzieherinnen. Alle haben Dich gern gehabt. Für Dein Alter warst Du schon sehr weit und konntest schon ganz viel. Du konntest prima essen. Du konntest spielen und puzzeln. Ich war sehr stolz auf Dich.
Weihnachten 1999 waren wir bei Oma und Opa. Da warst ganz schlimm erkältet und hast mich zu Tode erschreckt als Du Deinen ersten Fieberkrampf hattest. Du lagst leichenblass in meinen Armen und ich dachte, Du hättest eine schlimme Krankheit. Mein liebster Ibi, hoffentlich passen sie gut auf Dich auf. Papa hatte mich nicht richtig ernst genommen, als ich ihm davon erzählt hatte. Erst als Du bei ihm den ersten Fieberkrampf hattest, hat er sich ebenfalls zu Tode erschreckt. Hoffentlich haben sie immer die Medizin, die Du brauchst.
Im Februar 2000 waren wir in Ägypten. Wir waren in Kom El Nor und anschließend haben wir noch mit Oma und Opa Urlaub in Kairo und am Meer gemacht. Das war für Euch Kinder bestimmt schön, aber Opa war ganz böse krank und wir Erwachsenen hatten deshalb nicht so viel Spaß.
Wir sind dann im Juni 2000 in eine neue Wohnung gezogen. Hannah nannte sie „Mamas weiße Wohnung“. Das war bestimmt merkwürdig für Dich, dass Du Papa nicht jeden Tag sehen konntest. Du hattest mit Hannah zusammen ein Zimmer. Das hatte ich Euch ganz gemütlich eingerichtet. Dort hattet Ihr ein ganz tolles Etagenbett. Hannah hatte ihr „Prinzessinnenbett“ (mit Sternenhimmel) und Du hattest Deine „Höhle“. Ich werde mich mein Leben lang daran erinnern, wie ich Dir abends vorgesungen habe. Dein Schlaflied und die Geschichte, wie lieb ich Dich hab. Vor dem Bett lagen ganz viele Kissen, damit Du Dir nicht wehgetan hast, wenn Du nachts mal wieder aus dem Bett gestiegen bist und den Weg zu mir vor lauter Müdigkeit nicht geschafft hast. Vor dem Schlafengehen hast Du immer zu mir gesagt: „Mama tuscheln.“ Du konntest noch kein „k“ aussprechen, denn eigentlich meintest Du „Kuscheln“. Du warst mein großer Kuschelbär und unser kleiner Mini-Mann. Ach Ibi, hoffentlich kuschelt jetzt jemand mit Dir.
Lieber Ibrahim, ich vergesse nie unseren letzen gemeinsamen Tag. Wir waren zusammen bummeln und Du warst so lieb und geduldig. Ich war ganz stolz auf Dich. Und als wir nach Hause kamen haben wir uns ausgesperrt. Du hast auf dem Flur gespielt bis Du müde warst und dann hast Du Dich in meine Arme gekuschelt und geschlafen.
Später haben wir dann mit Hannah einen Bauernhof gebaut. Den Hof von Bauer Apfelhuber. (Das ist aber ein kleines Buch mit einer etwas seltsamen Geschichte.) Wir sind nicht fertig geworden und wollten ihn fertig bauen, wenn Ihr von Papa zurückkommt. Leider ist das nie geschehen. Aber die Legosteine habe ich immer noch und wir könnten einen neuen Bauernhof bauen...
Was aus Dir geworden ist, kann ich nicht mal erahnen. Aber ich hoffe, dass Du Deinen Weg gefunden hast. Ich hoffe, dass Dein Papa Dir alle Chancen geboten hat, die Du brauchtest, um in dieser Welt Dein Auskommen zu finden. Ich hoffe, dass Du ein zufriedener Mensch geworden bist. Alle meine guten Wünsche begleiten Dich auf Deinen Wegen. Du warst von Anfang an mein besonderer Sohn und das wirst Du immer bleiben.
Lieber Ibrahim, ich wünsche Dir, dass der Sonnenschein Dich nicht verlässt.
Wenn Du vielleicht einmal meine Seite der Geschichte hören möchtest, dann melde Dich einfach bei mir.
Deine Mama Hellen
Aktualisiert (Montag, 29. Juni 2009 um 23:23 Uhr)
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