falls Ihr Euch einmal fragt wo Ihr geboren seid und wer Eure Mutter ist, dann könnt Ihr hier etwas darüber erfahren. Wenn Ihr diese Seiten im Internet ansehen könnt, dann seid Ihr schon groß. So wie es heute aussieht, seid Ihr dann ohne mich groß geworden.
Ich weiß nicht was Euer Vater Euch über mich erzählt hat. Habt Ihr jemals ein Bild von mir gesehen? Vielleicht denkt Ihr ja auch dass ich tot bin. Vielleicht bin ich es, wenn Ihr diese Zeilen lesen könnt. Vielleicht wollt Ihr nichts mehr von mir wissen, weil man Euch schlimme Dinge über mich erzählt hat. Vielleicht denkt Ihr, dass ich Euch im Stich gelassen habe. Es gibt so viele dunkle „Vielleicht“ und es ist tut weh, über sie nach zu denken. Aber eines sei Euch versichert: Solange ich lebe, wird meine Liebe Euch begleiten. Egal was Ihr macht, egal wo Ihr seid: Ihr seid meine Kinder und ich denke an Euch. Und ganz vielleicht gibt es ja auch ein helles „Vielleicht“!?
Lange Zeit haben mich die vielen „Hätte“ und „Könnte“ und „Sollte“ beschäftigt, da das Herz nicht wahrhaben wollte, was der Verstand doch längst wusste. Doch Niemand kann die Zeit zurückdrehen. Da nutzen tausend Wünsche, tausend Fragen und noch mehr Hoffnungen nichts. Für die Vergangenheit ist es immer zu spät. Ich sitze hier in Eurem Zimmer und wünsche mir nichts auf der Welt so sehr, als Euch zu sehen, von Euch zu hören oder nur zu wissen, wie es Euch geht. Wie gerne würde ich Euch einfach anrufen, aber alle Versuche, zu Euch zu finden, sind bisher gescheitert.
Ich habe Euren Papa geheiratet, weil ich ihn geliebt habe. Er verkörperte für mich so viel Mut und Hoffnung. Ich habe ihn dafür bewundert, dass er sich auf den Weg gemacht hatte, um in einer für ihn fremden Welt ein neues Leben aufzubauen. Vor allem habe ich sein Lachen geliebt. Mit Freuden habe ich mich auf seine Welt eingelassen. Ich wollte alles über sein Land, seine Familie und seinen Glauben wissen. Ägypten ist für mich ein faszinierendes Land. Was für Euch heute alles selbstverständlich sein wird, ist für Mitteleuropäer wie mich sehr exotisch. Arabisch wollte ich lernen, um mich mit den Menschen, die mich so freundlich aufgenommen hatten, unterhalten zu können.
Aber wir haben uns wohl gegenseitig überschätzt.
Dies ist nicht der Ort, um zu erzählen, was dazu geführt hat, dass ich all meine Hoffnungen auf ein glückliches Leben mit Eurem Vater begraben musste. Wie ich an den Punkt angelangt bin, an dem es für mich um Leben oder Sterben ging. Wie es kam, dass ich nicht mehr bei meiner Familie zuhause war und nicht bei Papas Familie zuhause sein durfte. Ich habe Hilfe benötigt und warum ich sie nicht bekommen konnte, dass werde ich wohl nie erfahren. Es wird für mich immer Fragen geben, die nur Euer Papa beantworten könnte. Aber so wie die Dinge gelaufen sind, wird er dazu wohl nie bereit sein. Vielleicht weiß er ja selbst keine Antworten, weil er sich selbst ganz andere Fragen stellt. Eines Tages kam jedenfalls der Punkt, an dem ich um unser aller Willen gehen musste. Es war die Zeit, als ich erkannt hatte, dass für mich nicht ein Funken Respekt und Achtung mehr da war. Ich wäre so gerne Papas Freundin gewesen und hätte ihn so gerne zum Freund gehabt. Aber dazu gehören immer zwei Menschen. Ihr müsst wissen, dass ich stolz auf ihn war, weil er immer so hilfsbereit war. Seine Freunde konnten zu ihm kommen und er hatte immer ein offenes Ohr für sie. Er hat allen geholfen, die in Not waren. Es hat Zeiten gegeben, da wäre ich für ihn durchs Feuer gegangen. Ich hätte alles für ihn getan. Aber anscheinend habe ich oft das Falsche getan.
Liebe Hannah und lieber Ibrahim, ich weiß, dass Euer Papa Euch liebt. Er und seine Familie werden sich um Euch kümmern. Sie werden Euch Ihr Bestes geben. Ich bete jeden Tag darum, dass dieses ausreicht, um aus Euch zufriedene und glückliche Menschen zu machen. Gerne hätte ich Euch auch mein Bestes dazu gegeben. Heute gebe ich Euch meine Gedanken, meine Wünsche und meine Hoffnungen mit auf Euren Weg. Meine Liebe wird euch immer begleiten.
Als Du geboren warst, meine liebe Hannah, da wollte Dein Papa Dich nach Ägypten bringen, weil er Angst hatte, dass Du nicht zu einer guten Muslima erzogen werden würdest. Ich habe ihm damals gesagt, dass dies der Weg für Feiglinge sei. Es ist einfach den Weg der Masse zu gehen! Aber den rechten Glauben zu finden und zu bewahren in einer anders denkenden Welt, dass beweist wahre Stärke und Größe. Nun hat er doch den einfachen Weg genommen. Und ich, ich wünsche Euch, dass Ihr Kraft und Stärke im Glauben findet. Werdet nicht hart gegenüber Schwachen und nicht ungerecht gegenüber Andersdenkenden. Lernt zu reden und Probleme direkt mit den Betroffenen zu klären.
Mein Wunsch war und ist es, dass Ihr das Beste aus Eurem Vater- und aus Eurem Mutterland mitbekommen solltet. Ich will, dass Ihr in beiden Welten zu Hause seid. Ihr solltet beide Sprachen lernen und somit den optimalen Start ins Leben haben. Die Zukunft muss aus Toleranz geboren werden, sonst wird es keine Zukunft für spätere Generationen geben können. Und wirkliche Toleranz erwirbt man nur aus der Kenntnis beider Welten. Das klingt jetzt vielleicht in Euren Ohren arrogant, aber das glaube ich ganz fest. Überall auf der Welt trauern Mütter mit dem gleichen Schmerz um ihre verlorenen Kinder. Kinder die fehlende Toleranz ihnen genommen hat.
Aber ich denke, dass Ihr auch in Ägypten glücklich und zufrieden werden könnt, dass Ihr auch dort eine Zukunft haben werdet. Aber es ist natürlich nicht die Zukunft, die ich mir für Euch erträumt habe. Man hat Euch die Wahl genommen und das schmerzt mich für Euch.
Liebe Hanni, lieber Ibi!
Ich glaube ganz fest daran, dass es eine besondere Verbundenheit zwischen einer Mutter und Ihren Kindern gibt. Als Ihr Babys wart, da wir ich immer schon vor Euch wach, wenn Ihr Hunger hattet. Ich habe oft gespürt, wenn etwas mit Euch nicht gestimmt hat. In der Nacht als Ihr aus meinem Leben verschwunden seid, da habe ich gefühlt, dass Ihr von mir geht. Jeden Tag denke ich an Euch und hoffe, dass Euch meine Liebe und meine Wünsche auch aus der Ferne beschützen.
Ich werde mein Leben weiterleben. Aber egal was ich auch tue, immer werdet Ihr bei mir sein. Immer werde ich die Erinnerung an Euch hüten, wie meinen kostbarsten Schatz.
Nachts träume ich manchmal, dass ich Euch oder einen von Euch beiden wieder sehe. Dann wache ich auf und wärme mich einen kurzen Moment an der Freude. Aber die Realität holt mich immer wieder ein. Ich habe einmal ein Märchen gelesen, wo Kinder verschwunden sind. Aber die Tränen der Mutter haben jede Nacht Ihr Herz genährt und ihnen Kraft für Ihren Lebensweg gegeben. Wenn ich daran glauben könnte, dann hättet ihr sehr viel Kraft!
Egal, wie viel Zeit auch vergangen ist. Egal was passiert ist, wenn Ihr Lust habt, dann meldet Euch bei mir.
Eure Mama Hellen Sprecher
Aktualisiert (Montag, 29. Juni 2009 um 23:33 Uhr)
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